Archiv für Dezember 2011

Zum 16. Dezember

Die Kritik einer Veranstaltung wie das anlässlich der Bombardierung Siegen im Zweiten Weltkrieg durchgeführte „GehDenken“, sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass eine Gruppe wie das „Siegener Bündnis für Demokratie“ alles andere als homogen ist. Die politische Bandbreite reicht von CDU Rechts-außen, die immer noch leugnen, das Deutschland den Aggressor dargestellt hat, über links-liberal bürgerliche Kräfte, welche zwar erkennen, dass der Bombenkrieg nur zu seinem Ausgangsort zurückkehrte, darin aber immer noch einen unverhältnismäßigen Akt sehen, bis hin zu ausgesprochenen Linken, die beharrlich auf die Wichtigkeit Siegens für die Nazi-Militär-Maschinerie hinweisen.

All diesen Positionen ist jedoch gemein, dass sie die Idee hinter der von den Briten seit Anfang 1942 verfolgten Strategie des ‚area bombing‘ verkennen. Jene Bomben, die Siegen am Nachmittag des 16. Dezembers 1944 trafen, waren keines Wegs „falsch adressiert“ und trafen eine unschuldige Zivilbevölkerung. Letztlich kam der „totale Krieg“ nur zu jenen zurück, die ihn sich mit lautem ja! ja! ja!-Geschrei herbei gesehnt hatten. Das ‚area bombing‘ auch ‚moral bombing‘ sollte eben jene Volksgemeinschaft bis ins Mark erschüttern und im besten Falle zu einer Selbstbefreiung der Deutschen vom nationalsozialistischen Apparat führen. Es muss dem isolierten Großbritannien so erschienen sein, als sei diese Strategie die erfolgversprechendste Alternative Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt von der französischen Atlantikküste bis vor die Tore Moskaus reichte, etwas entgegen zu halten. Anders lässt es sich nicht erklären, welche enormen materiellen und vor allem personellen Verluste in Kauf genommen wurden.

Wer außerdem lediglich den „Opfer[n] von Krieg und Gewaltherrschaft“ gedenkt, die individuellen Schicksale zu einer anonymen Masse vereinigt, der ist in seinem Denken nicht über jene in den Luftschutzbunkern realisierte deutsche Schicksalsgemeinschaft hinaus, auf der die Nazi-Ideologie fußte. Wenn die Rede von einem „alliierten Bombenholocaust“ unverhohlen Täter- und Opferrollen vertauscht, so mag auch bürgerliches „Gedenken der Bombenopfer“ diese Funktion ebenfalls erfüllen, wenn gleich subtiler.

Zum Weiterlesen:

Jost Eisenstein: Eschatologie: Phosphor.