CHE war gestern

Die Fächer des Fachbereichs 3 werden in Zukunft nicht mehr beim CHE-Hochschulranking auftauchen. Warum das so ist und warum dies aus studentischer Sicht zu begrüßen ist, soll hier kurz erläutert werden.

Wird man von einer Person angesprochen, die CHE auf dem T-Shirt trägt, so ergeben sich im Wesentlichen drei Möglichkeiten: 1. die Person hält sich für alternativ oder gar links, hat aber die letzten zwanzig Jahre allein im stillen Kämmerlein ohne Kontakt zur Außenwelt verbracht, 2. die Person ist ein Nazi, oder 3. die Person ist ein Mitarbeiter des Centrums für Hochschul­entwicklung. In allen drei Fällen sollte man ein Gespräch mit der Person lieber meiden…

Was ist das Centrum für Hochschulentwicklung? Es handelt sich hierbei um eine sog. gemeinnützige GmbH, die 1994 von der Bertelsmann Stiftung gegründet wurde. Das CHE versteht sich selbst ganz bescheiden als „Reformwerkstatt für das deutsche und europäische Hochschul­wesen.“ Und was macht man in so einer Reformwerkstatt? Man „arbeitet an neuen Ideen und Konzepten, als Projektpartner für Hochschulen und Ministerien, als Anbieter von Fortbildungsprogrammen und des differenziertesten Hochschulrankings“1. Weniger verklausuliert könnte man sagen, dass das CHE die bundesweit wohl wichtigste Lobbyinstitution zur neoliberalen Umstrukturierung des Hochschul­wesens ist. Es kann nicht weiter verwundern, dass das CHE die Interessen der Wirtschaft im Allgemeinen und die von Bertelsmann im Besonderen mehr als nur angemessen „berücksichtigt“. Exemplarisch war das CHE etwa maßgeblich an der Formulierung des berüchtigten Hoch­schul­freiheits­gesetzes des Landes NRW sowie an der Durchsetzung von Studien­gebühren beteiligt2.

Worum es hier jedoch vor allem geht ist das vom CHE durchgeführte „differenzierteste Hochschulranking“. Das CHE Ranking versucht die Qualität der Forschung und Lehre von Universitäten (nach einzelnen Fächern oder Studiengängen aufgeschlüsselt) zu erfassen. Die Ergebnisse des jährlichen Rankings werden in den Medien an prominenter Stelle veröffentlicht (vor allem im stern und in der Zeit) und sollen dabei den Schülern und Studierenden als Informationsquelle bei der Wahl eines geeigneten Studienortes dienen. Zum Glück lassen sich diese jedoch mehr von anderen Faktoren, etwa der Attraktivität der jeweiligen Städte (und ihrer Mietpreise) oder den Zugangsvoraussetzungen beeinflussen, denn das CHE Ranking bildet mitnichten einfach objektiv die Qualität der Studiengänge ab. Vielmehr versucht das CHE dabei die Studierendenströme gezielt an bestimmte Hochschulstandorte zu steuern. Ein Beispiel: Seit geraumer Zeit wird politisch versucht westdeutsche Studierende an die Ost-Unis zu lenken. Dazu wurden die Parameter des CHE Rankings entsprechend „kalibriert“, so dass etwa das Betreuungsverhältnis oder die Aktualität des Bibliotheksbestandes deutlich an Bedeutung gewannen. Seitdem liegen, nicht gerade überraschenderweise, beim Ranking die ostdeutschen Unis fächerübergreifend an der Spitze. Dass die Ost-Unis trotzdem nicht gerade aus dem Westen überlaufen werden, zeigt welcher Fiktion die Unis hinterherlaufen, wenn sie sich von einem guten Abschneiden höhere Studierendenzahlen erhoffen3.

Dass Hochschulrankings allgemein und das des CHE im besonderen nicht dazu geeignet sind, die Qualität von Forschung und Lehre an den Universitäten darzustellen, ist in der Forschung eine praktisch allgemein anerkannte Tatsache. Die dem Ranking zugrundeliegenden Parameter und die Erfassungsmethoden können keinem wissenschaftlichen Standard standhalten und werden vom CHE konsequenterweise nicht veröffentlicht. Weiterhin stellt sich ohnehin die Frage, wie sich einzelne Fächer in einem Ranking erfassen lassen sollen. Hochschulrankings versuchen die standortspezifische Diversität der Fächer in eine Rangliste zu pressen. Möchte man jedoch eine Auskunft darüber, ob einem das Lehr- und Forschungsprofil eines Fachs zusagt oder nicht, kann man sich auf den Internetseiten der Fächer sowie in den Vorlesungsverzeichnissen weitaus besser informieren.

Angesichts dieser allgemein bekannten Fakten stellt sich die Frage, warum fast alle Hochschulen weiterhin mit dem CHE zusammenarbeiten. Die Antwort liegt wohl in der Angst vor ausbleibender oder gar negativer medialer Resonanz; eine Nichtteilnahme könnte medial als Zuvorkommen vor einem schlechten Abschneiden gewertet werden.

Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem CHE nimmt momentan jedoch spürbar ab: So beteiligen sich seit 2007 praktisch alle schweizer Hochschulen nicht mehr am Ranking; 2008 zogen fast alle Hochschulen in Österreich nach. In den USA beteiligen sich besonders die renommierten Unis nicht an vergleichbaren Rankings. Auch in Deutschland wird momentan auf Hochschulebene intensiv über ein Ende der Zusammenarbeit mit dem CHE diskutiert. Einzelne Fächer oder gar Fachbereiche haben sich schon vom Ranking verabschiedet. Am 1. Juli 2009 hat nun auch der FB3 der Uni Siegen beschlossen, sich mit seinen Fächern künftig nicht mehr am Ranking zu beteiligen4. Aus studentischer Sicht ist diese Entscheidung nur zu begrüßen, bedeuten die Ergebnisse im Ranking immer auch eine Bewertung des eigenen Abschlusses. Der Ausstieg manifestiert deutlich, dass sich die Hochschulen nicht freiwillig dem Diktat der „think tanks“ aus der Wirtschaft unterwerfen müssen. Es ist zu hoffen, dass sich dieser Entscheidung weitere Fachbereiche an der Uni Siegen und sonstwo anschließen. Stellt sich nur noch die Frage, warum Siegen bei der neoliberalen Umstrukturierung des Hochschulwesens bisher praktisch immer eine Vorreiterrolle spielen musste; sei es die Einführung der BA/MA Studiengänge, seien es Studiengebühren?

Die Linke-Liste Siegen im Juli 2009.

  1. Vgl. die Selbstdarstellung auf www.che-concept.de. [zurück]
  2. Zur weiteren Information über die Tätigkeiten des CHE sei z.B. auf www.nachdenkseiten.de/?p=3726 sowie auf http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2183&such=bertelsmann-stiftung verwiesen. Ausführlicher geben etwa die Publikationen Jens Wernicke, Torsten Bultmann (Hrsg.): Netzwerk der Macht – Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus Gütersloh. BdWi, Marburg 2007 und Frank Böckelmann, Hersch Fischler: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Eichborn, Frankfurt am Main 2004 Auskunft. [zurück]
  3. www.zeit.de/2007/15/C-Ostunis. [zurück]
  4. Und dies, obwohl sich der FB3 mit seinen Ergebnissen in der Vergangenheit nicht gerade verstecken musste: http://ranking.zeit.de. Vgl. auch die Stellungnahme des FB3: www.uni-siegen.de/fb3/home/che-ranking/?lang=de. [zurück]
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